Manchmal liege ich abends im Bett und rechne.
Nicht kompliziert mit Excel, Renditekurven und Steuersätzen. Eher so im Kopf: Was kostet die Klassenfahrt? Wann brauchen beide Kinder neue Schuhe? Warum ist der Wocheneinkauf schon wieder so teuer? Und wie lange dauert es eigentlich noch, bis wir das nächste Fahrrad kaufen müssen?
No-Brainer: Nicht lange.
Familie ist schön. Wirklich. Aber Familie ist eben auch teuer. Und während ich darüber nachdenke, ob wir diesen Monat lieber etwas mehr in die Sparpläne packen oder doch endlich das Hochbett für K2 kaufen, kommt von irgendwoher das nächste Vorsorgethema um die Ecke: Das “Altersvorsorgedepot“.
Klingt erstmal nach Behörde, Finanzvertrieb und einem weiteren Produkt, das man als normaler Mensch nur halb versteht.
Aber weil ich Vater von zwei Kindern bin und nicht irgendwann mit 67 feststellen möchte, dass Liebe allein zwar wärmt, aber keine Miete bezahlt, habe ich mir die Frage gestellt:
Lohnt sich das neue Altersvorsorgedepot eigentlich für Familien?
Erstmal: Was ist ein Altersvorsorgedepot überhaupt?
Das Altersvorsorgedepot soll ab 2027 die private Altersvorsorge in Deutschland verändern. Vereinfacht gesagt: Statt klassischer Riester-Rente mit Garantien, komplizierten Versicherungsprodukten und häufig eher mauer Rendite soll es künftig möglich sein, staatlich gefördert in Fonds oder ETFs fürs Alter zu sparen.
Der entscheidende Unterschied zur alten Riester-Welt: Beim Altersvorsorgedepot kann auf Garantien verzichtet werden. Das bedeutet mehr Schwankung, aber langfristig auch mehr Renditechance. Genau das, was viele ETF-Sparerinnen und ETF-Sparer ohnehin schon machen – nur eben mit staatlicher Förderung und steuerlichen Sonderregeln.
Das Geld ist allerdings nicht einfach frei verfügbar wie in einem normalen Depot. Es geht um Altersvorsorge. Und nicht um den nächsten Urlaub, ein neues Fahrrad oder den spontanen Wunsch, doch noch eine neue Sitzecke für den Garten zu kaufen.
Warum Familien besonders hinschauen sollten
Bei Finanzprodukten bin ich grundsätzlich vorsichtig. Sobald irgendwo „staatlich gefördert“ draufsteht, ist es selten so einfach, wie es klingt.
Aber beim Altersvorsorgedepot gibt es jedoch einen Punkt, der für Familien wirklich interessant ist: die Kinderzulage.
Nach den aktuellen Plänen sollen Familien pro Kind bis zu 300 Euro Kinderzulage im Jahr bekommen können. Und das bereits bei einem monatlichen Sparbeitrag von 25 Euro pro Kind.
Bei zwei Kindern wären das also bis zu 600 Euro Zulage im Jahr.
Zusätzlich zu der Zulage, die jede/r bekommt!
Das ist nicht nichts.
Gerade wenn ich mir anschaue, wie viele Ausgaben bei Familien einfach dauerhaft mitlaufen – Kita, Schule, Vereine, Kleidung, Essen, Geburtstage, Urlaub in der Ferienzeit, Brillen, Zahnspangen, Hobbys – dann ist jede Förderung, die nicht nur gut klingt, sondern tatsächlich im Depot ankommt, einen zweiten Blick wert.
Das Problem: Familien haben oft gar nicht so viel übrig
In der Theorie klingt Altersvorsorge immer einfach.
Man nehme eine monatliche Sparrate, investiere sie über Jahrzehnte breit gestreut, lasse den Zinseszins arbeiten und freue sich später über ein ordentliches Polster.
In der Praxis sitzt man am Küchentisch, sortiert Rechnungen und fragt sich, warum ausgerechnet jetzt die Waschmaschine komische Geräusche macht.
Familien haben häufig nicht das Problem, dass sie Altersvorsorge unwichtig finden. Sie haben das Problem, dass am Ende des Monats nicht beliebig viel Geld übrig bleibt.
Deshalb finde ich beim Altersvorsorgedepot besonders spannend, dass die volle Kinderzulage schon mit vergleichsweise kleinen Beiträgen erreichbar sein soll. 25 Euro monatlich pro Kind sind immer noch Geld. Aber es ist eine andere Hausnummer als die klassischen Sparraten, die in Finanzratgebern manchmal so selbstverständlich klingen.
Für wen es sich lohnen könnte
Ich glaube, das Altersvorsorgedepot kann sich für Familien vor allem dann lohnen, wenn ein paar Dinge zusammenkommen.
Erstens: Man nutzt wirklich die Förderung. Denn die Zulagen sind der große Vorteil gegenüber einem normalen ETF-Depot. Wer förderberechtigt ist und die Kinderzulagen bekommt, hat einen Startvorteil, den man nicht ignorieren sollte.
Zweitens: Die Kosten bleiben niedrig. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Ein Altersvorsorgedepot mit hohen laufenden Kosten wäre wie ein Kindergeburtstag im Indoorspielplatz: Am Anfang denkt man, das wird schon passen, am Ende fragt man sich, wohin das ganze Geld verschwunden ist.
Drittens: Man versteht, dass es keine Garantie gibt. Ein Depot schwankt. Auch ein Altersvorsorgedepot. Wer bei jedem Börsenrückgang nervös wird und alles infrage stellt, braucht entweder ein sehr robustes Nervenkostüm oder eine andere Lösung.
Viertens: Das Geld wird wirklich fürs Alter gedacht. Nicht für „mal sehen“. Nicht für „vielleicht brauchen wir es doch früher“. Sondern langfristig.
Und genau da wird es für Familien wieder schwierig. Denn langfristig denken muss man sich leisten können.
Altersvorsorge für Eltern oder für Kinder?
Spannend ist auch die Frage, für wen wir hier eigentlich sparen.
Für uns Eltern? Für unsere Kinder? Für beides?
Das Altersvorsorgedepot ist zunächst ein Instrument für die private Altersvorsorge. Also für die eigene Rente. Daneben gibt es mit der geplanten Frühstart-Rente auch die Idee, Kindern schon früh ein eigenes Altersvorsorgedepot mit staatlichen Einzahlungen zu ermöglichen.
Ich mag die Vorstellung, dass Kapitalmarkt und langfristiges Sparen für sie irgendwann normaler sind, als es das für viele aus meiner Generation war.
Ich bin nicht mit ETFs groß geworden. Ich bin mit Sparbuch, Bausparvertrag und dem diffusen Gefühl groß geworden, Aktien seien irgendwie etwas für Menschen mit Anzug, Autotelefon und sehr ernster Stimme.
Heute weiß ich: Das war Quatsch.
Aber diese Erkenntnis musste ich mir selbst erarbeiten. Vielleicht können unsere Kinder da entspannter starten.
Was mich skeptisch macht
Bei aller Sympathie für die Idee: Ich werde nicht automatisch begeistert, nur weil irgendwo ETF draufsteht.
Mich machen vor allem drei Dinge skeptisch.
Erstens die Kosten. Ein normales ETF-Depot kann heute extrem günstig sein. Wenn ein gefördertes Altersvorsorgedepot deutlich teurer ist, frisst das über Jahrzehnte viel Rendite. Und Jahrzehnte sind bei Altersvorsorge nun mal der Punkt.
Zweitens die Komplexität. Förderung, Zulagen, Auszahlphase, Steuern, Produktvarianten, Standarddepot, Garantieprodukt, Anbieterwechsel. Das klingt schon wieder nach etwas, das viele Menschen nicht selbst entscheiden, sondern sich verkaufen lassen.
Und genau da wird es gefährlich: Die Versicherungen, die bislang Riesterverträge vertrieben und damit gutes Geld verdient haben, werden nicht plötzlich kein Interesse mehr an Provision haben. Das heißt dann aber auch, dass sie vor allem die unflexiblen und teuren Standardprodukte verkaufen wollen. Zum Nachteil derjeniger, die Rendite für Alters erwirtschaften wollen.
Und drittens die fehlende Flexibilität. Ein normales Depot gehört mir. Ich kann es anpassen, verkaufen, übertragen, liegen lassen. Beim Altersvorsorgedepot gibt es Regeln. Das ist logisch, weil es staatlich gefördert wird. Aber für Familien, deren Leben selten exakt nach Plan läuft, ist Flexibilität nicht irgendein Luxus. Sie ist manchmal notwendig.
Kinder werden krank. Jobs ändern sich. Beziehungen können scheitern. Häuser müssen repariert werden. Eltern werden pflegebedürftig.
Das Leben hält sich nicht an Produktinformationsblätter.
Mein Zwischenfazit als Vater
Würde ich das Altersvorsorgedepot für Familien sofort unterschreiben?
Nein.
Würde ich es ignorieren?
Auch nicht.
Für Familien kann das Altersvorsorgedepot wirklich interessant werden, vor allem wegen der Kinderzulagen. Wer zwei Kinder hat und die Förderung mit überschaubaren eigenen Beiträgen nutzen kann, sollte sich das Thema anschauen.
Aber ich würde nicht blind irgendeinen Vertrag abschließen, nur weil ein Anbieter schöne Worte wie „Zukunft“, „Familie“ oder „Sicherheit“ auf die Website schreibt.
Ich würde warten, vergleichen und vor allem auf die Kosten schauen.
Vielleicht ist das am Ende die langweiligste, aber wichtigste Vater-Antwort überhaupt: Erst informieren. Dann entscheiden. Nicht aus Angst. Nicht aus schlechtem Gewissen. Und bitte nicht, weil irgendein Finanzmensch sagt, gute Eltern müssten jetzt sofort handeln.
Wenn das Altersvorsorgedepot dabei hilft, die eigene finanzielle Zukunft etwas stabiler zu machen: gut.
Wenn es teuer, kompliziert und unflexibel wird: Finger weg.
Die Wahl des richtigen Anbieters wird entscheidend
Dass die klassischen Versicherer entsprechende Produkte anbieten werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Richtig interessant wird es diesmal aber, weil der Vertrieb des Altersvorsorgedepots nicht nur Versicherungen vorbehalten ist, sondern im Prinzip auch jeder Broker und Neobroker mitmischen kann. – also gerade die Anbieter, die letzten Jahren reichlich Menschen zum Gang an die Börse bewegt haben und auf eure Gebühren verzichten.
Bereit jetzt haben einige Broker Altersvorsorgedepots angekündigt. Mit Scalable Capital und Trade Republic auch die zwei führenden Neo Broker in Deutschland. Sie dürften Altersvorsorgedepots sehr günstig und extrem einfach anbieten. So meine persönliche Einschätzung.
Lohnt sich das Altersvorsorgedepot für Familien?
Meine Antwort: wahrscheinlich ja – aber nicht automatisch.
Es lohnt sich vor allem dann, wenn die staatliche Förderung konsequent genutzt wird, die Kosten niedrig bleiben und man das Geld wirklich langfristig fürs Alter liegen lassen kann.
Für Familien mit Kindern kann die Kinderzulage ein echter Vorteil sein. Gerade, weil Eltern ohnehin viel leisten und finanziell oft stärker belastet sind als kinderlose Haushalte.
Aber das Altersvorsorgedepot löst nicht das Grundproblem vieler Familien: dass am Ende des Monats oft weniger übrig bleibt, als Finanzratgeber gerne voraussetzen.
Vielleicht ist es also kein Wundermittel.
Aber vielleicht ist es ein Baustein.
Und manchmal ist genau das schon viel.
