Ab dem Sommer ist unsere erste Tochter in der Schule. Ab dann müssen wir mindestens 60 Tage Schulferien abdecken. Bei zwei Vollzeitstellen. Wie soll das klappen? Und wer hat sich dieses System eigentlich ausgedacht?
Wenn man Kinder bekommt, gibt es ja viele Themen, mit denen man sich plötzlich auseinandersetzen muss. Vom Kindergeld bis zum Kita-Gutschein, von Elternzeiten bis zur Frage wie das mit der Kinderbetreuung klappt.
Je nach Bundesland und Stadt ist das mittlerweile ja auch ganz gut geregelt: Es gibt einen gesetzlichen Betreuungsanspruch auch für Kleinkinder. Es ist – zumindest in vielen Städten – zur Normalität geworden, ein Kind auch mit bereits einem Jahr betreuen lassen zu können.
Wenige Schließtage und lange Betreuungszeiten erlauben, dass Eltern neben der Kinderbetreuung auch noch selbst leben und sich z. B. beruflich weiterentwickeln können.
Der Vollständigkeit halber sei nicht verschwiegen: In Deutschland sind es trotzdem weiterhin die Frauen, die ihre Arbeit aufgeben oder Stunden reduzieren um gleichzeitig den Vollzeitjob der Kinderbetreuung zu übernehmen.
Uns geht und ging es da bislang nicht anders als vielen anderen Familien in Deutschland.
Nun aber beginnt bald die Schule. Und damit wird’s knifflig.
Mehr Ferientage als Urlaub von zwei Vollzeitstellen

Im Jahr 2023 werden wir an 56 Tagen Schulferien eine Betreuung unserer Kinder sicherstellen. Dazu kommen nochmals 4 bewegliche Ferientage. Dazu kommen dann noch Schließtage an der Kita (die nicht immer parallel zu den Ferien liegen) oder durch Streik etc. nicht vorhersehbar sind.
(Ganz zu schweigen von den Coronawellen 5 bis X.)
In Summe sind das also mindestens 60 schulfreie Tage.
Wir arbeiten beide Vollzeit, daraus ergibt sich ein Urlaubsanspruch von 2x 28 Tagen.
60 schulfreie Tage – 56 Urlaubstage = 4 Tage ohne Betreuung.
Wenn wir die schulfreien Tage nur durch Urlaub abbildeten, dann würden wir weder als Paar noch als Familie gemeinsam Urlaub machen können.
Welche Optionen haben wir dann?
Um fair zu bleiben: Es gibt ein paar Optionen, die wir in Anspruch nehmen können:
- Wir haben Großeltern, die einspringen können und wollen.
- Wir haben mit Glück einen Hortplatz ergattert, der z. T. auch während der Schulferien eine Betreuung anbietet.
- Wir haben verständnisvolle Arbeitgeber.
- Es gibt Notbetreuungsplätze.
Das alles sind Möglichkeiten, um die Schulferien zu überbrücken. Aber allein der Planungsaufwand und Zittern, dass alles klappt, stresst mich jetzt schon. Bevor unsere Große überhaupt eingeschult ist.
Wir wollen und müssen Vollzeit arbeiten
Unsere Entscheidung für Kinder war eine bewusste. Wir haben jedoch auch immer entschieden, uns selbst nicht komplett aufgeben zu wollen. Wir wollen arbeiten und uns selbst verwirklich. Nicht trotz, sondern gerade wegen unserer Kinder.
Letztlich haben wir darüber hinaus aber auch keine große Wahl: Trotz zweier Vollzeitstellen bleiben am Ende des Monats nicht nur prall gefüllte Girokonten zurück.
Das mag sicherlich an unserem Lebensstil liegen, zu dem ein gemietetes Reihenhaus mit Garten und Ernährung mit ausschließlich hochwertigen (Bio-)Lebensmitteln gehört. Das wollen wir uns leisten können.
Uns ist bewusst, dass wir absolut privilegiert sind. Es gibt Menschen und Familien, denen geht es lange nicht so gut.
Und genau hier liegt auch das Problem mit der Kinderbetreuung während der Schulferien: Die Förderung von Kindern und Familien muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein.
Wer – zum Henker – hat sich ausgedacht, dass schulpflichtige Kinder mehr Ferien haben, als zwei vollzeitarbeitende Eltern mit all ihrem Urlaubsanspruch abbilden können?
Richtig: Ein System das gar nicht will, dass alle Menschen Vollzeit arbeiten.
Das Problem ist STRUKTURELL
Eine kinderlose, alleinstehende Ex-Kollegin hat mir mal vorgeworfen, dass unsere Entscheidung für Kinder ja unser Ding sei. Und ich daher Bitteschön meine Probleme mit Kindern und der Kindererziehung auch allein lösen möge.
Kann man so sehen.
In einer Gesellschaft, in der jeder nur sich selbst dient und soziale Sicherungssysteme (in alle Richtungen!) nicht vorgesehen sind.
Aber, in Deutschland leben wir anders:
- Wer zahlt die Rente der Alten? Die Jungen!
- Wer hält Unternehmen über Jahre und Jahrzehnte am Laufen? Genau, gut ausgebildete Menschen, die auch mal als Kinder in der Schule waren.
- …
Nicht neu: Deutschland steht seit Jahrzehnten vor der Herausforderung der Überalterung. Die Alterspyramide kennt nur noch einen Weg. Und trotz gestiegener Geburtenrate hat Deutschland aktuell ein seit 70 Jahren nicht da gewesenes Geburtendefizit.
Wir leben immer länger, werden immer älter. Irgendwer muss das bezahlen.
Denn wenn wir unsere sozialen Sicherungssysteme auch in Zukunft aufrecht erhalten wollen, dann brauchen wir mehr Menschen in Deutschland und vor alle mehr Kinder. Das dürfte mittlerweile wirklich jede*r verstanden haben.
Ob wir das wollen oder nicht, aber wir sitzen in einem Boot und wohnen in einem Haus. Sollten dann nicht die Anstrengungen und Kosten von allen getragen werden?
Eltern brauchen schon jetzt breite Schultern.
Ihre individuelle Entscheidung Kinder zu bekommen, wird zwar durch viel Liebe entlohnt, bedeutet aber auch Verzicht an allen Ecken und Enden.
Um nur zwei Beispiele zu nennen: Pro Kind baut sich ein Schlafmangel von – statistisch – sechs Jahren. Oder: etwa 150.000 € kostet ein Kind bis zum 18. Lebensjahr.

Corona war und ist für viele Eltern zu einer solchen zusätzlichen Belastung geworden, dass sie auf Gehalt verzichten würden, um weniger Stress zu haben!
Warum mussten diesen Teil der Pandemiefolgen nur Eltern ausbaden? Warum haben sich dort nicht auch stärker Unternehmen und Staat beteiligt?
(Die verschiedenen Corona-Boni – für was eigentlich ein “Bonus”? – haben sich für viele da eher wie Schweigegeld angefühlt. Und auch der kommende wird – wenn überhaupt – einen Teil der gestiegenen Lebenshaltungskosten ausgleichen, nicht aber für weniger Stress sorgen.)
Und da frage ich mich erneut: Wer hat sich ausgedacht, dass vollzeitarbeitende – egal ob wirtschaftlich gezwungen oder persönlich gewünscht – Eltern ihren gesamten Erholungsurlaub aufbringen müssen, um die Betreuung der eigenen Kinder außerhalb der Schulzeiten sicherzustellen.
Kinderbetreuung ist ein Vollzeitjob
Eltern wissen, wovon ich Rede: Kinderbetreuung und -erziehung ist ein Vollzeitjob, der nicht um 9 Uhr beginnt und nach acht Stunden (plus Pause) endet.
Egal ob nun in Voll- oder Teilzeit: Arbeitnehmer*innen brauchen ihren Erholungsurlaub auch zur Erholung.
Und ich finde: Da läuft was schief, wenn nur Lehrer*innen und Nicht-Erwerbstätige die angemessene Betreuung ihrer Kinder in den Schulferien sicherstellen können.
Ist das der richtige Weg, den wir als Solidargemeinschaft mit allen zu bewältigenden Problemen der Zukunft gehen wollen? Ich hoffe nicht.
Aber vielleicht bin ich ja auch auf dem Holzweg. Bitte teile Deine Meinung in den Kommentaren!
Bitte auch, wenn Du bereits Kinder hast: Wie planst Du Urlaube und Ferien, sodass am Ende alles irgendwie geht?
Bild: Estée Janssens